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Doris Bachmann-Medick
bachmann-medick@web.de


Ist der ‘cultural turn’ noch eine Herausforderung für die (anglistische) Literaturwissenschaft? Ein Schlußkommentar

Diese Tagung war der Versuch, unterschiedliche Ansätze kulturwissenschaftlicher Forschung und Lehre in der Anglistik und Amerikanistik (einschließlich der Vorstellung kulturwissenschaftlicher Studiengänge) zu bündeln und streckenweise auch zu systematisieren. Ihr Untertitel ‘Eine Standortbestimmung’ war insofern passend, als Mosaiksteine zusammengetragen wurden, die den status quo der kulturwissenschaftlichen Orientierung in der Anglistik feststellen. Weniger ging es darum, Grundlagenfragen der Kulturwissenschaften in den Blick zu nehmen oder gar Perspektiven für eine Weiterprofilierung der Kulturwissenschaften zu entwickeln.

Die Standortbestimmung erstreckte sich auf zwei Ebenen:

1. institutionelle Rahmenbedingungen, Finanzierungs- und Förderungsebenen,
2. inhaltliche, konzeptuelle Fragen und vor allem methodische Ansätze.

Drängt eine Standortbestimmung nicht dazu, den jeweiligen Standort zu überwinden? Sie scheint mir jedenfalls nur dann sinnvoll, wenn sie zum Ausgangspunkt für eine Weiterentwicklung des Diskurses und der konkreten Forschungsansätze wird. So sollen diese kommentierenden Abschlußüberlegungen nicht etwa dazu beitragen, die Forschungsstandorte rückwärtsgewandt zu bestimmen oder im Sinne einer Bilanzierung die Diskurse und Forschungsrichtungen gar abzuschließen. Standortbestimmungen sollten vielmehr Sprungbretter sein zu neuen konzeptuellen Öffnungen.

Im Hinblick auf die konzeptuellen Perspektiven der Tagung (Ebene 2) zielen diese Abschlußüberlegungen ausdrücklich nicht darauf, die unterschiedlichsten Diskussionsfäden gleichsam holistisch zusammenzuflechten. Eher wird gerade durch die Skizzenhaftigkeit und Offenheit der folgenden Thesen die Absicht verfolgt, eine Weiterprofilierung der kulturwissenschaftlichen Orientierungen in der (anglistischen) Literaturwissenschaft anzustoßen, wie sie durch diese Tagung ansatzweise eröffnet wurde.

Zur Standortbestimmung gehört zunächst einmal die Bestandsaufnahme. Nach der allgemeinen Überzeugung (der Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer) ist unter ‘Kulturwissenschaften’ keine Disziplin im Singular zu verstehen, sondern eine Neuausrichtung der Forschung und der Lehre mit Hilfe von Ansätzen, die an den Grenzen der Einzelfächer arbeiten und eine kulturwissenschaftliche Perspektivierung der jeweiligen Fächer anstreben. Doch schon nach einem solchen Minimalkonsens entsteht Unklarheit darüber, in welcher Phase der kulturwissenschaftlichen Diskussion wir uns gegenwärtig eigentlich befinden. Haben wir überhaupt noch allgemeine Plädoyers für kulturwissenschaftliche Forschung, Lehre und Studiengänge nötig? Muß eigentlich noch gegen Widerstände angekämpft werden, oder haben sich kulturwissenschaftliche Ansätze bereits so fest an den Universitäten etabliert, dass nun weitere Differenzierungen sowie kritische Selbstreflexionen gefragt sind - dass also Kulturwissenschaften nicht mehr nur zur Reform der Anglistik dienen, sondern eher die ‘Reform’ bzw. kritische Überprüfung und Präzisierung der kulturwissenschaftlichen Herangehensweisen selbst (und dies bedeutet auch eine Reflexion ihrer Grenzen) zur Debatte stehen? Zur Bestandsaufnahme müßte jedenfalls auch die Einsicht gehören, dass kulturwissenschaftliche Ansätze bereits auf breiter Ebene durchaus nachhaltig eingeführt sind, ja daß sich sogar Widerstände oder auch Gegenbewegungen feststellen lassen. So wird die kulturwissenschaftliche Wende in den Philologien von manchen Skeptikern oder Kritikern durchaus als Bedrohung oder gar Verdrängung der spezifischen ästhetischen Differenzqualität bzw. der Besonderheit und Unverwechselbarkeit des literarischen Kunstwerks wahrgenommen. Dies zeigte bereits die über drei Jahrgänge geführte Debatte im Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft zur Frage: ‘Kommt der Literaturwissenschaft ihr Gegenstand abhanden?’1 Dies zeigt aber noch deutlicher eine neuere Gegenreaktion, wie sie in der Forderung einer biopoetischen Wende in den Literaturwissenschaften zutage tritt. Diese richtet ihr inhaltliches Interesse nicht mehr primär auf kulturanthropologisch analysierbare Differenzen, sondern - innerhalb eines evolutionstheoretischen Argumentationsrahmens - auf anthropologische Grundbedürfnisse und Konstanten.2

Was bedeuten solche ersten Anzeichen einer Abwendung von den Kulturwissenschaften (wenn sie auf dieser Tagung auch nicht zur Sprache kamen)? Verweisen sie darauf, daß die kulturwissenschaftliche Diskussion in eine Sackgasse laufen könnte, wenn ihre methodische Präzisierung mangelhaft bleibt? Weitere Fragen schließen sich an: Reichen pauschale Bekenntnisse zu kulturwissenschaftlichem Arbeiten und rituelle Beschwörungen von Interdisziplinarität noch aus, selbst wenn sie auf praktische Umsetzungen in Forschungsvorhaben und auf institutionelle Verankerungen verweisen? Sollten nicht vielmehr schon in den konkreten methodischen Herangehensweisen deutlichere Impulse aus anderen Disziplinen (z.B. aus der Ethnologie und aus weiteren Sozialwissenschaften) aufgegriffen und noch gezielter eingesetzt werden, seien es solche der Symbol- und Ritualanalyse, der ‘dichten Beschreibung’ (Clifford Geertz) oder auch Verfahren des Kulturenvergleichs und der kulturellen Übersetzung, wie sie vor allem angesichts der globalen Vernetzungen und der neuen Auseinandersetzung mit den Literaturen der Welt auch in den Literaturwissenschaften eine zentrale Rolle spielen müssten.3 Bei einer Methodenfixierung im engeren Sinne freilich entsteht die Gefahr, daß wiederum ein zu starkes Gewicht auf methodische Passformen für ein vernetzungsorientiertes Fächerdesign gelegt wird, das auf institutioneller Ebene dann zu gradlinig und anpassungsbereit in einer anwendungsbezogenen Kulturwissenschaft mündet. Auf diese Gefahr hin wären etwa die Studiengänge zum Kulturwirt zu überprüfen. Im weiteren Sinne dagegen und für eine Weiterentwicklung der Kulturwissenschaften auf breiterer Ebene müßten Methodenfragen sehr viel nachdrücklicher als bisher mit Grundlagenreflexionen verknüpft werden, um dann weiterführende Konzeptualisierungsperspektiven der Kulturwissenschaften eröffnen zu können.

Erst in einem solchen Horizont kommt dann auch ein entscheidendes Dilemma in den Blick: Läuft die kulturwissenschaftliche Ausrichtung der Literaturwissenschaft nicht Gefahr, von den kulturwissenschaftlichen Theorien her angelegt zu werden, nicht aber von der Literatur selbst bzw. von ihrem Potential der ästhetischen Verarbeitung? So weit wie Italo Calvino mit seinem Vorschlag einer neuen Literaturinterpretation am Leitfaden literatureigener kultureller Analyse- und Wahrnehmungsbegriffe ging man auf dieser Tagung nicht.4 Dafür kamen eher pragmatische Plädoyers zur Sprache, so etwa die Forderung nach einer ‘disziplinären Ausbildung’ (Jürgen Schlaeger) ohne Abstriche, an der bei aller kulturwissenschaftlichen Öffnung festzuhalten ist. Unverwässerte disziplinäre Standards wären dann auch die Grundlage für die von Ansgar Nünning gestellte Zielfrage, wie die Literaturwissenschaften (z.B. die Anglistik) ‘von sich aus’ die Kulturwissenschaften bereichern können, und eben nicht nur, was kulturwissenschaftliches Arbeiten für die Anglistik einbringt. Auch bei der von Tobias Döring betonten Ausweitung der Literaturanalysen wird nicht bloß danach gefragt, wie literarische Texte am umfassenderen Horizont gesellschaftlicher und kultureller Praktiken teilhaben, sondern wie sie ihrerseits diesen Horizont geradezu neu inszenieren. Damit reicht der ‘Gegenstand’ der Literaturwissenschaft über die Textgrenzen hinaus und eröffnet einen eigenständigen Zugang zur Analyse komplexer Symbolsysteme und kultureller Praktiken.

In diesem Sinne wurden die Untersuchungshorizonte der anglistischen Literaturwissenschaft breit gespannt: zwischen kulturwissenschaftlicher Erweiterung und dennoch disziplinärer Fundierung. Nur in einem solchen Spannungsfeld ließe sich die Notwendigkeit interdisziplinären Arbeitens verorten und immer wieder einfordern. Zu ergänzen wäre hier noch eine andere Spielart von Interdisziplinarität: eine über die Addition von Disziplinen hinausgehende Anstrengung ‘interner’ Interdisziplinarität. Hierbei geht es darum, an den Grenzen der eigenen Disziplin zu arbeiten, diese Grenz- und Überschneidungszonen möglichst weit auszudehnen und andere Disziplinen so einzubeziehen, daß man sich auch selbst auf die Forschungsmethoden und Sichtweisen dieser fremden Disziplinen genauer einläßt, statt immer nur andere Vertreterinnen und Vertreter dieser Fächer heranzuziehen. Hier wäre die von Jürgen Schlaeger betonte ‘Fähigkeit zu vernetztem Denken’ hilfreich, die im postgradualen Masterstudiengang am Berliner Großbritannienzentrum gefördert werden soll. Aber auch nach einer anderen Seite hin wären die kulturwissenschaftlichen Perspektiven noch weiter zu öffnen, als es bisher der Fall ist, und zwar im Hinblick auf ihre Interkulturalität.

Hier läge es nahe - was aber auf dieser Konferenz überraschenderweise kaum aufgegriffen wurde - sich gerade in der Anglistik mit postkolonialer Theorie auseinanderzusetzen, mit ihrer Leistungsfähigkeit, ihrem politischen Potential, aber auch mit ihren möglichen Grenzen. Vor allem aber könnte ein weiterer Horizont über nationalliterarische Untersuchungsfelder hinaus ebenfalls eine wichtige Diskussionsperspektive bieten, die sich verstärkt auf Interkulturalität in den Kulturwissenschaften richtet. Denn besonders wenn man sich mit Literaturen der Welt auseinandersetzt, also mit Literaturen außerhalb des europäischen Kanons, z.B. mit den englischsprachigen Literaturen in Indien oder Afrika, kommt man an einer zentralen Frage nicht vorbei, die grundlegend ist für jegliche Interkulturalitätsdiskussion: Mit welcher Begrifflichkeit und mit welchen Interpretationskategorien arbeiten wir eigentlich? Sind nicht bereits die Untersuchungsbegriffe und die Unterscheidungskategorien problematisch, da sie westlich geprägt sind, z.B. Konzepte von Gesellschaft, Familie, Emotion, Religion, usw.? Hier gäbe es interessante Überlegungen und Fallbeispiele aus dem Bereich der Interkulturalitätsforschung, z.B. auch aus der Interkulturellen Germanistik. Mit dem Plädoyer für eine Selbstreflexion westlicher Begrifflichkeit, eines westlichen Literaturverständnisses, europäischer Interpretationskategorien und universalisierter ästhetischer Standards ist die Aufforderung verbunden, kulturwissenschaftliches Arbeiten in Zukunft stärker als bisher auf eine Reflexion und Kritik der Begriffe und (ästhetischen) Kategorien, mit denen gearbeitet wird, auszudehnen. Eine solche Selbstreflexion der eigenen Begrifflichkeit würde schließlich zu einer Kritik am Literatur-Kanon führen und damit ein - auf der Konferenz wenig repräsentiertes - zentrales Bezugsfeld der kulturwissenschaftlichen Literaturforschung weiter fundieren und ausarbeiten.

Nach der Bestandsaufnahme und Standortbestimmung von kulturwissenschaftlichen Orientierungen in der Anglistik/Amerikanistik bzw. in der Literaturwissenschaft überhaupt wäre eine Perspektivendiskussion der notwendige nächste Schritt: Gibt es eine Zukunft der Kulturwissenschaften? Handelt es sich nur um eine vorübergehende Mode oder um eine nachhaltige, zukunftsträchtige Forschungsperspektive? Inwieweit und in welcher Richtung wäre dann eine Weiterprofilierung der Kulturwissenschaften zu fordern, und wie sähe eine solche Weiterprofilierung aus? Welche ‘paradigm shifts’ kündigen sich vielleicht jetzt schon an (z.B. von Textorientierung zu Bildorientierung - vgl. Projektvorschlag von Renate Brosch - oder von Zeitkonzepten zu Raumkonzepten als zentralen Untersuchungskategorien, z.B. space, border, mapping, usw.). Entscheidend wäre m.E. eine schrittweise Abkehr von der uferlosen Themenfixierung, auch wenn sich diese auf die ‘Erfindung’ origineller, querstehender Themen richtet. Bahnbrechender wäre hier eine deutliche Schwerpunktverlagerung, ein Wechsel von thematisch-inhaltlichen ‘subjects’ hin zu praktisch-operativen ‘approaches’. Nicht mehr die Erschließung neuer kulturwissenschaftlich interessanter Themen der Darstellung stünde hier im Vordergrund, sondern eine neue Aufmerksamkeit auf die Art und Weise der Darstellung selbst. Daraus folgt eine stärkere Hinwendung zu Wahrnehmungsbegriffen, Kontextbeziehungen und (ästhetischen) Inszenierungsverfahren, aber auch zu Methoden und Begriffen, die aus der ‘kulturellen’ Reflexion der Literatur heraus die neue Ebene der Kulturtechniken und kulturellen Wahrnehmungsweisen erschließen, z.B. mimetische Praktiken, Visualität, Erzählstrukturen, usw.5 Die Untersuchung der Bedeutung von Metaphern wies bereits in diese Richtung (vgl. die Projektvorstellung ‘Metaphern und Kommunikation’). Von dieser Ebene aus könnten sich ergiebige Anschlußmöglichkeiten nicht zuletzt auch an die Kognitionswissenschaften ergeben. Überhaupt wäre eine solche operative Untersuchungsebene ein möglicher Ausgangspunkt zur Überwindung des Kulturalismus in den Kulturwissenschaften selbst. Die gegenwärtig immer noch äußert zaghaften Ansätze einer Einbeziehung von Ökonomie lassen sich ebenfalls in dieser Richtung interpretieren (vgl. das Projekt ‘Commerce and Culture’ des Berliner Großbritannienzentrums).

Wenn man schließlich - nicht zuletzt mit entsprechenden kulturalismuskritischen Perspektiven - nach der Übersetzungsmöglichkeit der kulturwissenschaflichen Untersuchungsansätze selbst fragen würde,6 könnte die Weiterprofilierung wichtige Anstöße bekommen. Herausforderungen dazu sind vor allem die z.B. durch Migrationsliteraturen immer deutlicheren Grenzüberschreitungen nationalliterarischer Kontexte oder nationaler Literaturgeschichten.7 Zur Debatte steht - pauschal gesagt - das Verhältnis der Kulturwissenschaften zur Globalisierung. Das Plädoyer für eine interkulturelle Erweiterung der Kulturwissenschaften ergänzt sich hier mit der Perspektivierung einer kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft bzw. Komparatistik in Richtung auf ‘transnationale Postphilologie’ (Herbrechter). In diesem Zusammenhang könnte man die Titelfrage wieder aufgreifen: Ist der ‘cultural turn’ (noch) eine Herausforderung für die anglistische Literaturwissenschaft? Dies wohl nicht im Sinne einer ‘Reform’ der Anglistik, sicher aber im Hinblick auf eine Selbstübersetzung der (anglistischen) Kulturwissenschaften in einen globalen Text-, Diskurs- und Handlungszusammenhang hinein. ‘Will cultural studies be an agent of (a) global culture or will it attend to the singularity of cultural translations of globalized culture(s)?’8 Globalisierung wäre hier ein noch zu vager Horizont. Konkretere Anknüpfungspunkte sind vielmehr mit Blick auf die Verknüpfungsperspektiven von Cultural Studies und internationaler Politik zu erwarten.

Auch die Forderung nach medienwissenschaftlicher Erweiterung, wie sie auf der Tagung angeklungen ist, hätte hier ein reiches Wirkungsfeld, vor allem für die Frage nach der Öffentlichkeits- und Politikwirksamkeit der Kulturwissenschaften. Gerade angesichts dieser Tagung - die in brisanten Zeiten des Irak-Krieges stattfand, ohne sich jedoch dazu zu positionieren -, stellen sich die Chancen für eine Übersetzung der Kulturwissenschaften in die Öffentlichkeit und Politik hinein als ein massives Problem, ja Dilemma dar. Muß man im Zusammenhang des Irak-Krieges nicht geradezu von einem Scheitern der kritisch selbstreflexiven Orientierung der Kulturwissenschaften sprechen, wenn man die frappante Wirkungslosigkeit der Cultural Studies bedenkt? Was haben ein Jahrzehnt der Orientalismuskritik im Gefolge Edward Saids und die kritischen Gegenbewegungen gegen Samuel Huntingtons Prophezeiung vom ‘clash of civilizations’ denn ausgetragen? Es ist jedenfalls bestürzend festzustellen, wie stark das Modell des ‘clash of civilizations’ seit den Ereignissen des 11. September 2001 und dann im Irak-Krieg und im sogenannten ‘War on Terrorism’ durch die Politik der amerikanischen neokonservativen Bush-Administration affirmierend verfolgt wird - und dies trotz des hohen Stands interkulturellen Wissens gerade auch in den USA. Welche Konsequenzen sollten die Kulturwissenschaften daraus ziehen? Wieweit sind sie selbst in die weltweiten Hegemonialverhältnisse verstrickt, die sie doch zugleich versuchen kritisch offenzulegen? Wie wäre die kulturwissenschaftliche Forschung folgenreich in die außerakademische Welt hinein zu ‘übersetzen’?

Die Tagung hat insgesamt von einem Vorteil der Kulturwissenschaften profitiert: Die Kulturwissenschaften können sich selbstreflexiv auf die eigenen wissenschaftlichen und akademischen Praktiken beziehen. So heißt Kulturwissenschaft am Ende auch Jargonkritik, kritischer Umgang mit der Ausbildung einer spezifischen, nicht selten hochgeschraubten Begrifflichkeit - nicht zuletzt auch ein Überdenken der Hierarchien in der Theoriebildung (z.B. der Dominanz amerikanischer Theorien) sowie eine stärkere Wiederbelebung und zugleich Internationalisierung eigener, europäischer Theorieansätze. Vor allem wäre auch die Möglichkeit einer Ritualkritik des eigenen wissenschaftlichen und akademischen Verhaltens zu wünschen: der Rituale von Konferenzen, der suggestiven Beschwörungen von Einverständnissen und der (Selbst)Profilierung durch Übertreibung von Differenzen. Doch solche Fragen führen endgültig über den Rahmen einer anglistischen Fachtagung im engeren Sinne hinaus. Sie gehören in den Bereich einer selbstreflexiven Anthropologie der wissenschaftlichen Praxis,9 die sich für eine Vielfalt disziplinärer Orientierungen sowie für den Umgang mit der kulturwissenschaftlichen Perspektive gleichermaßen stellt.


Endnoten

1Vgl. Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 42-44 (1998-2000).
2Vgl. z.B. Brett Cooke und Frederick Turner (hg.), Biopoetics. Evolutionary Explorations in the Arts (Lexington:    University of Kentucky Press, 1999); Karl Eibl, ‘Lusttexte und ihre Interpretation. Ein biologischer Blick auf ein    Dauerproblem’, Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 49, Heft 2 (2002), Themenheft:    Interpretation, 172-85; vgl. den Bericht von Rüdiger Zymner zur Konferenz ‘Anthropologie der Literatur.    Poetogene Strukturen und ästhetisch-soziale Handlungsfelder’, 3. Hagener Kolloquium zur    Literaturwissenschaft, 1.-3. November 2002, Hagen, KulturPoetik 3, Heft 1 (2003), 137-8.
3Zu solchen methodisch konkreten und zugleich konzeptuell reflektierten Perspektiven vgl. das neue Nachwort    zur 2. aktualisierten Auflage von Doris Bachmann-Medick (Hg.), Kultur als Text. Die anthropologische Wende in    der Literaturwissenschaft (Tübingen: UTB, 2004).
4Vgl. Italo Calvino, Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend. Harvard-Vorlesungen (München: dtv, 1995).    Ausführlicher zu diesem Problemzusammenhang vgl. Doris Bachmann-Medick, ‘Literatur - ein Vernetzungswerk.    Kulturwissenschaftliche Analysen in den Literaturwissenschaften’, Heide Appelsmeyer und Elfriede    Billmann-   Mahecha (hg.), Kulturwissenschaft. Felder einer prozeßorientierten wissenschaftlichen Praxis    (Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2001), 215-39.
5Hierzu ausführlicher vgl. Bachmann-Medick, ‘Literatur - ein Vernetzungswerk’.
6Vgl. zu ‘translations of cultural studies’: Stefan Herbrechter, ‘Introduction: Cultural Studies - Interdisciplinarity    and Translation’, Herbrechter (hg.), Cultural Studies: Interdisciplinarity and Translation (Amsterdam und New    York: Rodopi, 2002), 1-16: 8f., 11.
7Vgl. Doris Bachmann-Medick, ‘Is There a Literary History of World Literature?’, Herbert Grabes (hg.), Literary    History/Cultural History: Force Fields and Tensions, REAL Yearbook of Research in English and American    Literature 17 (Tübingen: Narr, 2001), 359-72.
8Herbrechter, ‘Introduction’, 11.
9Zur historischen Dimension dieses Problembereichs vgl. die neuere Publikation von Françoise Waquet, Parler    comme un livre. L’Oralité et le Savoir (XVIe-XXe siècle) (Paris: A. Michel, 2003).